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Seekajakausbildung
bei Nanuk –
ein Artikel von
Stefan Schorr im Kanumagazin

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Sea Proficiency – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu neuen Zielen

von Rainer Markgraf                                             

Vom rechtweisenden Kurs zum Falschen mit umgekehrtem Vorzeichen !? oder wie war das noch? Und dann diese Leuchtfeuer-Kennungen: was heißt Oc. oder Fl(4)? Verdammt! Da bin ich schon am Abzweig nach Stollhamm vorbei gefahren im Grübeln über all die vielen nautischen Dinge, die ich ja jetzt wissen sollte. Ich bin inzwischen in Butjadingen, dem Land des harten Lebens und der Malaria noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts und fahre gen Fedderwardersiel, wo ich mich mit 4 anderen Seekajakern der Seebefähigungsprüfung stellen will.

Aufgeregt bin ich schon, gar nicht mal so sehr wegen der ganzen Theorie, deren Kenntnis wir vorab schon in einer ausführlichen schriftlichen Fahrtenplanung sowie den Antworten auf 50 Prüfungsfragen beweisen mussten. Wird es vor allem praktisch klappen, die Navigation, die Bootsbeherrschung, die Fahrt in der Gruppe unter den kritischen Augen des erfahrenen und strengen Prüfers? Und da steht Peter auch schon vor mir auf der Camperwiese für Kanuten und andere Exoten am Ende des Zeltplatzes von F`Siel und begrüßt mich mit strahlendem Gesicht. Mit solch guter Laune wird´s wohl klappen, beruhige ich mich. Auch die anderen Paddler sind schon eingetroffen. Wie immer auf diesen Treffen (liegt es an der Anziehungskraft des Seekajakfahrens, an der Vielfältigkeit der Herauforderungen?) trifft man anregende, vielseitig interessierte Kameraden, was schon allein ein solches Treffen wert ist. Ich freue mich, meinen Padddlerfreund und Bollerwagen-Produzenten Jan zu sehen, ich wusste gar nicht, dass er sich auch prüfen lassen will. Da ist Andreas, der Cellist und Profi-Konzertmusiker aus Berlin (kann er sich Blasen an den Händen erlauben?), Lothar, der Bildhauer aus Fulda, Jens unser holländischer Migrant und elektronisch versierter Ingenieur. Da gibt es auch jenseits des gemeinsamen Sports viel Interessantes zu erzählen.

Der erste Nachmittag ist noch einmal der Theorie gewidmet, es erfolgt eine ausführliche Besprechung der abgegebenen Fahrtenplanung und der Prüfungsfragen. Man lernt nie aus, aber alle haben überwiegend die kleinen beruhigenden Häkchens hinter ihren Antworten. „So, und jetzt macht mal eine Kreuzpeilung unserer Position mit Hilfe der sichtbaren Seezeichen“ lässt Peter verlauten. Gut, dass ich mir noch eine aus dem Internet gezogene Fotoserie der Leuchttürme eingeschweißt habe (was Peter durchaus anerkennend bemerkt). Klappt ganz gut, die Position kann sich selbst mit GPS-Kontrolle sehen lassen. Der Nachmittag endet mit dem Packen der Boote für eine Gepäckfahrt, dann geht es nach sorgfältiger Besprechung des Seewetterberichtes einschließlich Zeichnen der Wetterkarte, Essen und abschließendem Bier zeitig zu Bett, da wir am nächsten Morgen früh los müssen, um mit ablaufendem Wasser paddeln zu können.

Nach Frühstück, Zeltabbau und restlichem Packen und Trimmen des Bootes geht es durch den berüchtigten Fedderwarder Schlick ans Wasser. Windstärke 4-5 aus Südost, günstig zumindest für den geplanten Weg gen Leuchtturm Hohe Weg, im Tagesverlauf aber bis 6 zunehmend. Jeder muss unter den kritischen Blicken unseres Prüfers die Gruppe führen und navigieren.

Dabei treten natürlich so manche Mängel zu Tage. Zum Test der Reaktion des Führenden müssen wir absichtlich zurück bleiben: Wird er richtig reagieren, ständig auf den Zusammenhalt achten und aufmerksam sein, ob einer von uns ein Problem hat? Jetzt bin ich dran, wir haben die Kaiser Balje schon passiert. Steuerbord vor uns Langlütjennordsteert, da soll ich die Gruppe doch bitte hin führen. Zwischen Fahrwasser und Leuchtturm liegt ein Wattrücken, kommen wir da jetzt 3 Stunden nach Hochwasser noch rüber? Wie war das noch mit der Zwölferregel? Ist die Gruppe noch zusammen? Ich glaube, ich werde etwas nervös! „Ist das ein guter Kurs?“ höre ich die durchaus streng formulierte Frage. „Äh, ich bin mir nicht sicher, ob wir noch über den Wattrücken kommen.“ „Ist das ein guter Kurs?“ höre ich erneut. Verdammich! „Nein, das ist kein guter Kurs, wir sind mitten im Fahrwasser, was es auf kürzestem Wege im rechten Winkel zu queren gilt, und erst dann kannst du in Ruhe über deinen Wattrücken nachdenken!“ Oh Mann, da habe ich wohl echt Mist gebaut. Also schnell allen den Kurs mitgeteilt und dann die Linie der roten Backbordtonnen passiert und an den Rand des Fahrwassers gepaddelt.

Pause am Leuchtturm, der Wind frischt auf, Bft. 5-6. Über Handy wird noch mal der aktuelle Wetterbericht abgefragt: Gewitterböen bis Bft. 8. Wollen wir an unserem Plan zum Hohe Weg und Übernachtung dort festhalten? Wir müssen entscheiden, Teil der Prüfung, Peter hält sich raus. Wir alle trauern zwar dem Plan einer abenteuerlichen Leuchtturm-Übernachtung nach, stimmen aber überein: bei dieser Vorhersage besser nicht! Wohlwollendes Nicken bei Peter.

Vom Leuchtturm geht es weiter zur F1 des Fedderwarder Priels (zum Glück muss jetzt Jens führen). Sind alle fit? Dann mal rein ins Wasser und die Rettungstechniken vorgeführt: Seiteneinstieg, V-Einstieg, Boote lenzen, Einzelschlepp, Huskie-Schlepp. „Ich habe mir die Schulter ausgekugelt!“ jammert unser Prüfer plötzlich. Damit kenne ich mich ja eigentlich aus, aber hier im Boot? Also, Arm in der Schwimmweste fixiert und kurze Leine zum kontrollierten Schleppen des nicht mehr Paddelfähigen. Klappt ja doch ganz gut.

Navigationsübung: Dürfen wir dort auf der Sandbank anlegen? Kreuzpeilung beim Geschaukel unter Bft. 5, jetzt sicher kein guter Vergleich mehr zum GPS. Ich denke wir dürfen. Ätsch, doch nicht exakt genug gepeilt, die anvisierte Wattkante gehört schon ins Vogelschutzgebiet. Ich hoffe langsam, die Minuspunkte häufen sich nicht zu sehr!

Nach kurzer Pause geht es auf Südkurs, ziemlich genau gegen Bft. 6 inzwischen, ganz schön anstrengend mit den steilen Wellen bei Wind gegen Strom. Ich werde das Gefühl nicht los, dass unsere Paddeltechnik sehr genau beobachtet wird!

Wie sieht es denn mit der Rolle aus? Da sind wir doch ganz erleichtert, dass sie bei jedem klappt. Ich will noch mal links rum, meine schwächere Seite. Sofort kommt der führende Lothar zurück: Alles klar? Bitte bleib in der Gruppe! Gut reagiert, signalisiert des Prüfers Miene zu Lothar.

Inzwischen haben wir den Abzweig zum Mittelpriel erreicht. Hier stehen ganz nette Wellen, so dass gesurft werden darf, sicher nicht nur zum Vergnügen. Es klappt bei allen gut, scheint es, keine Kenterung, Peter mal da und mal dort, immer um uns herum mit kritischem Blick. So langsam sind wir auch ziemlich erschöpft, für diesen Prüfungstag ist es genug. Nach knapp 18 sm, die Hälfte davon gegen den Wind, steigen wir doch recht erschöpft aus den Booten. Der Abend im Biergarten des Zeltplatzes wird somit nur kurz, ich bin froh, schließlich in meinem Schlafsack zu liegen.

Am nächsten Vormittag geht es in den kleinen Seglerhafen, Peter mit Video-Kamera auf dem Bootssteg, um unsere Paddeltechnik zu filmen für die spätere Analyse. Schon während unserer „Vorführungen“ habe ich ein ungutes Gefühl, nicht zu unrecht. Nach allen Paddelschlägen (Bogenschlag, Bugruder, Heckruder, hohe und flache Stütze, Ziehschlag usw.) zieht sich Peter zur kurzen Filmanalyse zurück, um bald mit ernster Miene wieder aufzutauchen: Da wurde ja jede Variante von Mängeln vorgeführt! Also, Peter führt im Boot noch mal vor, jeder muss in allen Details noch mal ran, so langsam wird es besser und er scheint diesen Prüfungsteil (mit leichtem Zähneknirschen) zu akzeptieren.

Am Nachmittag entsteht bei auflaufendem Wasser dann die tolle Schwallwelle in der Einfahrt des Seglerhafens, Gelegenheit für ein kleines Wildwasser-Training im Seekajak (freiwillig und kein Prüfungsteil). Also Helme auf und los, Peter macht das Ein- und Ausschwingen aus dem Kehrwasser vor, wir wie die Entlein hinterher. Es klappt prima und macht großen Spaß: wieder eine tolle Erfahrung mehr!

So langsam geht der Nachmittag zur Neige, Ende der Prüfung, morgen dann Abschlussbesprechung. Hoffentlich hat es geklappt.

Inzwischen ist der Wind abgeflaut und Peter steht plötzlich vor uns: Plan geändert, wir machen eine Nachtfahrt, 21.00 Uhr am Wasser. Also schnell gegessen, Boote und Beleuchtung vorbereitet und Route geplant. Es soll zum ersten Leuchttonnen-Paar gehen, aber exakt dem Fedderwarder Priel folgend. Also erst mal Kurs 330 Grad für 15 Minuten, dann 30 Grad für 10 Minuten usw. Schließlich ist es soweit, sternenklarer Himmel, der Mond aber noch nicht aufgegangen, also nur schemenhafte Sicht. Nummern werden verteilt für´s Durchzählen auf Vollständigkeit. Jan führt, er hat einen beleuchteten Kompass. Bei nördlichen Kursen kann man sich auch sehr gut am Nordstern orientieren. Ich habe mein GPS an, weil Peter und ich für den Rückweg die Tracback-Funktion ausprobieren wollen. Es herrscht eine tolle Atmosphäre: östlich die Lichter des Bremerhavener Containerhafens, grüne und rote Leuchtsignale gen Norden, sonst Dunkelheit und Ruhe. Die Zieltonnen sind anhand ihres Blinkmusters rasch ausgemacht. Das Meeresleuchten ist phantastisch, mit jedem Paddelschlag glitzert es wie mit dem Zauberstab einer Fee in einem Walt Disney Film. Es gilt auf Pricken aufzupassen, allzu schnell kann man beim Ebbstrom mit einer kollidieren. Keine falsche Warnung denke ich, als eine in nur 2 m Entfernung an mir vorüber zu rauschen scheint! An der Zieltonne angekommen fummeln Peter und ich eine Weile am GPS-Gerät herum und denken einen Moment nicht an den Ebbstrom. Wieso zeigt das Gerät für den Rückweg Südostkurs?? Ach ja, der Strom hat uns ein ganzes Stück von der Tonne wegtransportiert. Rasch haben wir wieder unseren Kurs zurück erreicht und unter Beachtung der Kursabweichung folgen wir unserem Hinweg in die entgegengesetzte Richtung. Ich bin ein wenig zu GPS orientiert, Peter behält natürlich die Übersicht: ein Fischkutter ist im Anmarsch, der wird uns nicht sehen. Also nichts mehr mit Tracback! Auf kürzestem Weg geht es westwärts in Ufernähe und dann unter Ausnutzung der Buhnen dem Ebbstrom ausweichend zurück zum Fedderwarder Schlick, immerhin mit GPS genau an den Startpunkt. Das war ein toller Abschluss unserer Prüfung!

Am nächsten Morgen dann die „Urteilsverkündung“: alle haben bestanden. Uff, und dass trotz unserer Mängel! Ich habe mich natürlich gefragt, ob wir zu gut weggekommen sind bei den ja doch erkennbaren Fehlern in verschiedenen Bereichen (Navigation, Paddeltechnik). Nach Peters abschließendem Kommentar und meiner eigenen Nachbewertung der Prüfung bin ich aber doch selbstbewusst genug, mich über die bestandene Prüfung zu freuen. Peter hat uns alle intensiv beobachtet. Es ging ja nicht darum, alles in jeder Situation richtig zu machen, sondern insgesamt zu zeigen, den Bedingungen einer Seekajak-Tour gerecht werden zu können, ohne sich selbst oder andere ins Unglück zu stürzen. Dabei ist es Peter gelungen, der gesamten Unternehmung einen allzu strengen Prüfungscharakter zu nehmen, um auch ein gemeinsames Tourenerlebnis zu ermöglichen. Die praktischen Prüfungsbedingungen waren ja insgesamt nicht unbedingt einfach und ich denke wirklich, dass sich alle Teilnehmer "tapfer" geschlagen haben. Die Prüfung ist eben eine (wichtige!) Etappe auf der weiteren Entwicklung. Um es (als Bergsportler mit Hinwendung zum Wassersport) mit dem österreichischen Bergsteiger Hermann Buhl zu sagen (und das meine ich nicht pathetisch - und ist auch nicht ganz wörtlich zitiert): Jede Prüfung ist nur Vorbereitung auf die nächste schwierigere Herausforderung.

Text u. Photos : Rainer Markgraf

 


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